Tagesmutter und Co. – Was schadet der Mutter-Kind-Bindung?

Vater Kind Bindung

Zu aller erst muss ich sagen, dass ich hier keine Mama und keinen Papa verurteilen möchte, der nach einem Jahr wieder arbeiten geht und sein Kind (in manchen Fällen ja auch gezwungenermaßen) in eine Betreuung abgibt. In meinem Freundes- und Familienkreis gibt es viele, die sich für eine Tagesmutter entschieden haben, da nach der Elternzeit der Job wieder aufgenommen werden musste. Das ist ja auch eine finanzielle Frage. Und ich selber arbeite auch seit meine Tochter 15 Monate alt ist.

Glück im Unglück

Da mein Ex-Arbeitgeber (10 Jahre war ich dort angestellt) ‚Angst‘ vor Frauen im gebärfähigen Alter hat [Zitat: „Du willst ja bestimmt noch mehr Kinder haben, da ist es doch besser, wenn du auch Zeit dafür hast.“], musste ich mich nach einem anderen Job umsehen und arbeite seither bei einen kleinen Agentur. Glück ist es, da ich meine Arbeit aus dem Home-Office raus erledige. Meine Tochter betreue ich selber. Und meine anfänglichen Bedenken, dass es für sie doof und langweilig oder oder oder sein könnte bzw. das ich zu nichts kommen würde, haben sich in Luft aufgelöst. Natürlich gibt es Tage, wo sie etwas mehr meinen Zuspruch braucht. Aber es gibt auch Tage, wo sie auf ihrer Decke neben mir stundenlang malt und liest oder baut. Für uns ist es wirklich eine optimale Lösung.

Informiert über das „Abgeben“ habe ich mich dennoch

Denn eine Weile dachte ich ja, ich gehe zurück in meinen alten Job, 16 Stunden hatte ich mir überlegt. Ich habe damals unzählige Artikel gelesen, die sich alle mit dem Abgeben von Kinder beschäftigen. Erstaunlich fand ich damals, dass die meisten sehr schwarz oder weiß geschrieben waren.

Version 1:

Das Abgeben wurde in den Himmel gelobt. Kinder müssten unter Kinder kommen. Für die Mutter-Kind-Beziehung wäre es absolut notwendig auch mal Distanz zu erleben. Kinder würden schneller und besser Dinge können. Der Ortswechsel wäre auch für die motorische Entwicklung notwendig. Usw usw.

Version 2:

Unter 3 Jahren dürften Kinder maximal 20 Stunden abgegeben werden. Kinder brauchen die Mutter (den Vater). Kinder brauchten die häusliche Nähe. Kinder brauchen unbedingt EINE Bezugsperson. Kinder brauchen jemanden, der sie kennt und auf ihre Bedürfnisse eingeht und der mit ihnen interagiert. Nur so wachsen und reifen sie zu Menschen heran, die gesellschaftsfähig sind und ohne Probleme durch Schule, Ausbildung/ Studium kommen und sich später im Beruf gut zurechtfinden.
Hier wurden die vielen vielen Probleme der heutigen Grundschüler aufgelistet die fast alle auf das frühe Abgeben zurückgeführt werden. Kritisiert wurden hier auch, dass sich heutzutage keine Gedanken darüber gemacht wird, dass all diese Probleme in den ersten 3 Lebensjahren ‚erschaffen‘ werden. Und das die Gründe „Kinder bräuchten Kinder“ zwar sehr richtig ist, jedoch in der heutigen Zeit und „wie gelebt“ wird so oder so der Fall wäre. Denn wer lebt schon so isoliert, dass das eigene Kind keine anderen Kinder trifft?

Soweit so gut.

Aber was ist nun richtig?!

Aktuell prasselt es Kritik an der Politik

Diesen Artikel schreibe ich, weil aktuell auffällig oft in der Presse dieses Thema aufkommt. Immer mehr Forscher, Kinderpsychologen, Kinderärzte und Therapeuten kritisieren die Politik scharf. Doch was machen die falsch? Es ist schon merkwürdig, dass es seitens der Politiker immer heißt, dass die Mütter ja nach einem Jahr wieder arbeiten WOLLEN und nur die fehlenden Betreuungsplätze ihnen im Weg stehen. Mit Sicherheit gibt es viele, die sich nach einem Jahr Auszeit auch wieder auf ihren Job freuen oder gerne mal wieder etwas anderes machen wollen (ich fand es auch schön, nach den 15 Monaten wieder etwas zu arbeiten).

Doch wie viele Mütter gibt es wirklich, die Vollzeit oder 80 Prozent arbeiten WOLLEN?

Viele werden aus finanziellen  Gründen gezwungen oder weil sie sonst ihre alte Stelle aufgeben müssten (was häufig dann auch einen massiven finanziellen Verlust darstellt). Eine tatsächliche Wahl haben leider viele nicht.

Ich kenne auffällig viele Lehrer die seit mehreren Jahren alle das Gleiche erzählen: Die „heutigen Kinder sind unkonzentriert, entwicklungsverzögert, können einfachsten Anweisungen nicht mehr folgen, haben keinen Respekt und kein Benehmen mehr anderen Menschen gegenüber“ und oft fällt dann der Satz

„Die Eltern heutzutage bekommen das einfach nicht mehr hin“. 

Was mit Sicherheit nicht ganz der Wahrheit entspricht, denn die meisten Eltern tun wohl ihr Bestmögliches.

Doch wie viel Einfluss haben Eltern überhaupt noch auf ihre Kinder, wenn diese 35 bis 45 Stunden von jemand anderem betreut werden? Eine Tagesmutter bzw. die Erzieher/-innen in der KiTa tun sicherlich ihr Bestes, haben aber in der Regel mehrere Kinder gleichzeitig zu betreuen. Alle unter 3 Jahren. Klar, dass dort von den Kinder mehr Disziplin gefordert werden muss und weniger auf die individuellen emotionalen Bedürfnisse eingegangen werden kann. Und das ist nicht optimal. Das manche Kinder zu Hause dann rebellieren oder (und noch schlimmer) sich total zurückziehen ist irgendwie nachvollziehbar. Und in wenigen Abendstunden kann man als Elternteil natürlich auch keine entstandenen Defizite auffangen. Schließlich fällt nach Feierabend ja auch noch der normale Alltagswahnsinn mit Kochen, Haushalt etc. an.

Ich habe neulich bei einer Bekannten eine interessante Szene beobachtet: Das Kind kam von einem Tag bei der Tagesmutter zurück. Es war 17 Uhr, die Kleine ist seit 7 Uhr dort gewesen. Die Mutter meinte zu mir „Sie ist heute unmöglich. Sie macht garantiert nicht das was sie soll und geht mir nur auf die Nerven.“

Harte Worte – aber mal ehrlich: So denken wir doch alle ab und zu, oder?!

Doch dann passierte es: Die Kleine machte wieder Blödsinn und die Mutter packte sie und brachte sie in ihr Zimmer mit den Worten „Wenn du nicht hören willst, dann musst du eben nun mal kurz darein und runterkommen.“ Beim Zurückkehren zu mir meinte sie dann „Eigentlich schon komisch: vermutlich macht sie das alles nur, damit ich aus meinem Trott (einkaufen, aufräumen, kochen) rauskomme und mich mit ihr beschäftige. Und dann schmeiße ich sie raus und stoße sie von mir weg.“

Und genau darin liegt das Problem – stark berufstätige Eltern und deren Kinder verbringen kaum Zeit miteinander und somit eskalieren abends (wenn beide Seiten müde sind) manche Situationen. Und dann bleibt immer der fade Beigeschmack und vielleicht sogar der Gedanke der Eltern „Ein Glück ist das Kind morgen wieder bei der Tagesmutter/ in der KiTa“. Und das ist doch irgendwie schlimm, oder?

„In 20, 30 Jahren werden wir bedauern, wie es den Gehirnen unserer Kinder geht. Die Frage der Beziehungsfähigkeit wird ja ganz schnell zu einer gesamtgesellschaftlichen Frage.“Karl Heinz Brisch

Karl Heinz Brisch gehört zu den führenden Bindungsforschern weltweit. Seit mehr als zwei Jahrzehnten untersucht er mit seinem Team die Folgen von Bindungsstörungen im Kindesalter. Er ist für Deutschland Vorsitzender der Gesellschaft für Seelische Gesundheit in der Frühen Kindheit. Er beschreibt, was er als DAS Problem der Zukunft sieht: Die Qualität der Kinderbetreuung in Deutschland reicht leider nicht aus. Kinder die früh, lange und in größeren (Betreuungsschlüssel 1 zu 2 max. 3 für unter 3 Jährige) Gruppen fremdbetreut werden, lernen nicht mehr beziehungs- und gesellschaftsfähig zu werden. Hinzu kommt, dass nach langen Arbeitstagen Eltern oft nicht mehr mit ihren Kindern interagieren. Schnell wird der Fernseher oder sogar das Smartphone als Beschäftigung herangezogen.

Hier könnt ihr den ganzen Artikel zu dem Thema lesen. Lang aber sehr interessant!

Falsch oder Richtig?

Nun ich glaube das kann man so pauschal nicht sagen. Mit Sicherheit schadet es einem Kind nicht, wenn es in Maßen fremdbetreut wird. Regelmäßiger Kontakt mit Gleichaltrigen fördert das soziale Verhalten sogar. Doch wichtig ist das Verhältnis und die Qualität der Zeit, die das Kind mit den Eltern und in der Betreuung verbringt.

Fazit 

Die Politik sollte Geld in die Hand nehmen und für Kinder und Eltern optimale Bedingungen schaffen. Eine Politik die besser auf die Bedürfnisse von Kindern und Eltern eingeht und nicht Eltern vor die Wahl stehlt – Beruf ODER Kind. Nur so wird es Deutschland künftig wieder besser gehen und PISA-Studien und Co. werden wieder positiver ausfallen.

Doch etwas können wir (werdenden) Eltern selber tun: Wir sollten uns vor einer Schwangerschaft klar machen, was diese eben auch langfristig für Folgen und finanzielle Verpflichtungen mit sich bringt und uns entsprechend finanziell Aufstellen. Und hierbei geht es nicht darum, dass ein Gehalt wegfallen muss, die Frau „hinter den Herd“ gehört oder man ein Mindesteinkommen braucht. Aber es heißt, das ein Kind eben auch Verzicht bedeuten (kann); wie auch immer der ausfällt.

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