Von inkompetenten Ärzten und schlaflosen Nächten

Margarita Ost, Autorin für MommyCircle

Wie lange kann man es eigentlich ohne Schlaf aushalten?

Gut, nicht vollkommen ohne Schlaf. Aber vollkommen ohne Schlaf, der länger als, sagen wir, zwei Stunden dauert? Bei meinen Eltern waren es drei Jahre. Bei der zweiten Schwangerschaft und Geburt meiner Mutter ist so einiges schief gelaufen Dank glorreicher sowjetischer Ärzte, sodass meine Schwester nachts jahrelang gebrüllt hat, bis irgendwann nicht endlich die Erlösung in Form eines Schweizer Osteopathen kam. Damals war die Osteopathie noch eine neumodische Erscheinung und wenig bekannt, weshalb sich die Leiden so einiger Schreibabys und ihrer Eltern hinzogen.
Ich kannte die Horrorgeschichten meiner Eltern natürlich, meinte aber, mich mit meinen vorhandenen und kommenden Kindern auf dem sicheren Ufer zu befinden, da ich ja die Lösung aller Probleme kannte. Meine heiß geliebte Osteopathie. Ich sollte mich täuschen. Bei uns waren es anderthalb Jahre ohne Schlaf.

„Drei Monate,“

zuckte meine Hebamme mit den Schultern, als ich ihr erzählte, mein neugeborener Sohn hätte Koliken. Das Stillen war sehr schnell zur Tortur geworden. Jedes Mal, wenn ich ihn anlegte und er anfing zu saugen, spuckte er mal mehr, mal weniger schnell die Brust aus, verzog das kleine Gesicht und schrie erbärmlich. „Das Verdauungssystem ist noch nicht reif. Das muss sich erst noch bilden. Drei Monate müsst ihr durchhalten, dann wird’s besser.“
Also bissen wir die Zähne zusammen und warteten. Während der Kleine tagsüber recht gut gelaunt war, wenn es nicht gerade um Nahrungsaufnahme ging, wurden die Nächte zu einem einzigen langgezogenen Albtraum. Mark schlief nicht in seinem Bett, er schlief nicht in der Wiege, er schlief auch nicht neben mir oder meinem Mann, sondern nur, wenn man ihn in den Armen hielt. Auch das Wort Schlaf trifft seinen damaligen Zustand nicht wirklich. Es waren eher kurze Nickerchen, durchzogen von unendlichen Schreien. Wir wechselten uns jede Stunde ab, weil man es länger nicht alleine aushielt. Hin und her, hin und her. Ein Monat, zwei Monate, zweieinhalb… Ich zählte die Tage. Stieß gegen Türrahmen, keifte meinen Mann und meinen älteren Sohn an, heulte und bemitleidete mich selbst, schwor nie wieder Kinder, ach was, nie wieder Sex zu haben… Es es vergingen drei Monate. Es änderte sich… Nichts. Es kam sogar etwas hinzu. Nichts Schönes, wie man sich denken kann.

Mitten in der allwinterlichen Grippewelle nistete sich bei uns das mir nun abgrundtief verhasste RS-Virus ein, was mir mit dem Kleinen einen wöchentlichen Aufenthalt im Krankenhaus bescherte. Mein Sohn röchelte und pfiff, ich schluckte Beruhigungspillen, machte ein Intensivpraktikum als Krankenschwester und kippte schlussendlich um, wonach wir endlich entlassen wurden.

Ab diesem Zeitpunkt gesellten sich zu den Koliken ständige obstruktive Bronchitis und Neurodermitis hinzu. Wunderbar.

„Aber es muss doch an irgendetwas liegen,“ heulte ich beim Kinderarzt. „Woher kommt das alles?!“

Ich sagte ihm nicht: „Tun Sie, verdammt nochmal, etwas! Irgendwas! Denn ich wandere hier viel zu nah am Abgrund! Zu nah!“ Vielleicht hätte ich es sagen sollen. Wer weiß. Aber wahrscheinlich hätte es nichts genutzt.

Ich weiß nicht, wie es meinem Mann in der Zeit ging. Wir redeten so gut wie überhaupt nicht miteinander. Nicht über uns. Nur über das, was getan werden musste, die Kinder. Ich jedenfalls war ein körperliches und emotionales Wrack. Unsere Wohnung roch nach Krankenhaus, ich las unaufhörlich sich widersprechende Fachartikel, die mich wahnsinnig machten, träumte davon, selbst im Krankenhaus zu landen. Allein. Um mich endlich zu erholen.

Ständig haderte ich mit dem Stillen. Sollte ich es sein lassen? Aber wenn es doch nicht daran lag? Auf die HA-Milch, die ich ausprobiert hatte, war seine Reaktion noch heftiger ausgefallen. Was sollte ich ihm geben? Wie oft sollten wir noch in die Notaufnahme wegen stundenlangem Schreien fahren? Was tun? Was zum Henker sollte ich tun?
Irgendwann hatten wir dann Beikost eingeführt und mir war aufgefallen, dass mein Sohn auch hier auf Milchprodukte reagierte. „Eine Laktoseintoleranz bei so kleinen Kindern gibt es nicht,“ schüttelte der Kinderarzt den Kopf. „Die erwirbt man mit der Zeit oder man stirbt noch im Krankenhaus, wenn die angeboren ist.“ Wir wurden zu einem zweiten Arzt geschickt. Dem angeblich besten Pulmologen und Allergologen Deutschlands. Spezialisiert auf Asthma und Neurodermitis. Er hielt mir lange Vorträge über die Vorzüge von Kortison und versprach sogar einen Allergietest zu machen. „Aber eine Laktoseintoleranz hat er nicht,“ versicherte auch er mir.
Also versuchte ich, meinem armen Sohn weiterhin Joghurt und Quark unterzujubeln, ohne die er – wenn es nach den Ärzten ging – an einem akuten Kalziummmangel leiden würde. Mein Sohn aß das gern. Und schlief noch schlechter als sonst. Seine Haut sah schrecklich aus, er kratzte sich blutig, inhalierte zweimal am Tag mit Kortison… Wir ließen alles stehen und liegen und fuhren für einen ganzen Monat lang ans Meer. Die Haut und das Husten wurden dort besser. Die Nächte nicht. Ich war abgemagert, braungebrannt und erschöpft, als hätte mich die Wüste ausgespuckt.

Zurück in Deutschland landeten wir wieder bei unserem Osteopathen, der uns zuvor ein paar Mal geholfen hatte. Nach den Therapiestunden schlief Mark mehrere Tage lang durch. Doch dann kehrte alles jedes Mal wieder. Wir wagten einen letzten verzweifelten Versuch. Diese Sitzung fiel wesentlich kürzer aus als die anderen. Ich bekam schon Angst, er würde gleich sagen, er könne nichts für uns tun.

„Ich glaube, dass der Grund nicht mechanisch, sondern chemisch ist,“ schob sich unser wortkarger Osteopath vom Tisch weg, auf dem mein Anderthalbjähriger ausgestreckt lag.
„Wie bitte?“ hob ich die Augenbrauen.
„Ich glaube, dass er auf etwas reagiert. Lassen Sie das checken.“
„Oh, wir haben schon einen Allergietest gemacht,“ sagte ich enttäuscht. „Da war nichts. Er reagiert auf nichts.“
„Nein,“ schüttelte der Osteopath den Kopf und schrieb mir eine Adresse auf. „Ich will, dass Sie nach Amsterdam fahren und es in dieser Klinik von dieser Ärztin untersuchen lassen. Tun Sie es einfach.“

Also fuhren wir nach Amsterdam. Die Mesologie-Sitzung – das war das Verfahren, mit dem Unverträglichkeiten festgestellt werden sollten – dauerte eine knappe Stunde.

Die Ärztin war freundlich, herzlich und wusste eindeutig, was sie da tat. Denn… Und jetzt muss ich nochmal kurz innehalten und mich beruhigen, weil mich der Gedanke daran, wieviel Leid uns allen erspart geblieben wäre, hätten wir früher unseren Weg zu ihr gefunden, schier verrückt macht… Denn am Ende der kurzen entspannten Sitzung bestätigte sie mir das, was ich mir schon die ganze verdammte Zeit gedacht hatte und wofür ich eigentlich nur eine Bestätigung brauchte:

Mark hatte eine stark ausgeprägte Laktoseintoleranz.

„Also, nichts mehr,“ sagte sie. „Absolut nichts. Erkundigen Sie sich, wo Laktose überall drin ist und lassen Sie es weg.“
„Aber wir haben doch den Allergietest machen lassen,“ murmelte ich mit zittriger Stimme.
„Ein Allergietest zeigt eine Eiweißallergie,“ seufzte die Ärztin. „Eine Laktoseintoleranz ist keine Allergie. Es ist die Unverträglichkeit des Milchzuckers.“

Und an dieser Stelle fehlen mir ausnahmsweise mal jegliche Worte für den so hochgelobten Spezialisten, der mich also einfach angelogen hatte. Laktoseintoleranz? Was für eine Laktoseintoleranz? Wir haben doch den Test machen lassen! Werde ich ihn nochmal sehen können, ohne ihm an den Hals gehen zu wollen? Wohl kaum.
Noch am selben Tag ließen wir jegliche laktosehaltige Lebensmittel weg. Und? In meinen Ohren hört sich das nach einem Märchen an und das war es damals für uns auch.

Mark fing von einer Nacht auf die andere an durchzuschlafen. Nochmal. Er fing von einer Nacht auf die andere an durchzuschlafen. Ja, wie durch ein Wunder.

Nun sind drei Monate vergangen und er hat kein Mal mehr gehustet. Seine Neurodermitis ist so gut wie weg. In Amsterdam habe ich gelernt, dass Atemwege, Haut und der Magen-Darm-Trakt immer miteinander verbunden sind. Wie simpel. Warum wissen deutsche Ärzte nichts davon? Warum behandeln sie – wenn es hochkommt – nur Symptome und lebensbedrohliche Zustände? Warum weigern Sie sich, einem Leiden auf den Grund zu gehen? Und warum interessieren sie sich überhaupt nicht für den Allgemeinzustand ihrer Patienten?

Mir ist klar, dass sich diese Fragen nicht beantworten lassen. Mein Ziel ist es auch nicht, dass deutsche Gesundheitssystem zu ändern, sondern anderen Eltern, die mit ihren Kindern leiden, Hoffnung zu geben und sie zu ermutigen, ärztliche Entscheidungen zu hinterfragen, den eigenen Kopf einzuschalten, auf seine Intuition zu hören und daran zu glauben, dass es eine Lösung gibt. Dass es Besserung gibt.

Ein sicheres Ufer? Nein. Das nicht. Egal wie viele Airbags wir meinen, um uns zu haben. Egal, wie sicher wir uns fühlen. Es wird immer irgendetwas kommen, worauf wir nicht vorbereitet sind. Doch dann haben wir die Wahl. Entweder den Kopf und sein Leben hängen zu lassen oder aber zu suchen, zu suchen, zu suchen und nicht aufzugeben.

Ich wünsche allen jede Menge Gesundheit und friedliche Nächte.


Margarita_Ost_freie_uebersetzerin_autorin_mommycircleMargarita Ost ist 1986 in Moskau geboren und wuchs in Texas, Genf, München und Aachen auf. Sie studierte Literaturwissenschaft in München und Moskau und machte danach eine Ausbildung zur Übersetzerin in Russisch und Englisch.

Sie ist verheiratet mit einem Flamenco-Gitarristen (damit ja keine Langeweile aufkommt), hat zwei Söhne (Daniel *2012 und Mark *2014), zwei Hunde und eine Spinne namens Putin im Schrank.

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