Von Schlüsseln und Schicksalstücken

Margarita Ost, Autorin für MommyCircle

Was ist das eigentlich für ein Fluch, der auf Schlüsselbunden lastet?

Früher habe ich Menschen, die regelmäßig ihre Schlüssel in Müllcontainern versenken oder auf der Innenseite der Haustür vergessen, ja belächelt. Ich habe auch nie Handys in Toiletten fallen gelassen und andere herkömmliche Schicksalswitzchen ertragen müssen. Nicht einmal als mein erster Sohn geboren wurde. Ich wurde gestresster, klar. Aber nicht schwachsinnig. Naiv glaubte ich, ich hätte weiterhin alles unter Kontrolle. Sogar als mein zweiter Sohn meinte, monatelang nicht schlafen zu müssen und stattdessen wie am Spieß gebrüllt hat, lief noch alles halbwegs glatt. Mit ordentlich viel Stresshormonen im Blut lässt es sich auch in schlaflosen Lebensphasen offensichtlich ganz gut aushalten. Prekär wird es dann, wenn das Kind die Zügel endlich etwas lockerer lässt und man blauäugig glaubt, nun müsste alles entspannter und leichter werden.

Pustekuchen!

Genau da, während dem absinkenden Kortisongehalt im Körper, hält der Alltag so einige miese Stolpersteine bereit. So kam es, dass ich eines wunderschönen Tages vor dem abgeschlossenen Auto stand und hyperventilierte. In dem Auto war nicht nur mein einjähriger Sohn drin, der gerade fröhlich auf dem Autoschlüssel in seiner Hand herumgedrückt hatte, sondern auch meine Tasche mit dem Ersatzschlüssel. Der dritte Ersatzschlüssel war zu Hause, mein Mann komplett schlüssellos bei meinen Eltern und alle Haustürschlüssel… Wo? Ja, richtig, im abgeschlossenen Auto. An diesem wunderschönen Tag, an dem eine Menge Passanten mein hässlich verheultes Gesicht bewundern konnten, habe ich auch gelernt, dass es verdammt schwierig ist, Autofenster zu zerschlagen. Missinformiert durch so einige Filme, in denen böse Typen Autos klauen, dachte ich, ein faustgroßer Stein würde allemal reichen. Weit gefehlt. So traumatisierend und ohrenbetäubend das Geräusch auch war, mit dem mein mit dem Taxi angeflogener Mann versuchte, das Fenster auszuschlagen, so nutzlos waren seine Anstrengungen. Das Glas hatte lediglich ein paar Kratzer abgekriegt.

Eine Stunde und eine Aseag-Rettungsaktion später war das Auto endlich offen und meine Nerven dahin. Gott sei Dank war mein Sohn noch zu Beginn des ganzen Theaters eingeschlafen, sonst wäre ich um einen Herzinfarkt mit Sicherheit nicht herumgekommen. Jedenfalls hütete ich seit diesem einschneidenden Ereignis den Schlüsselbund wie meinen Augapfel. Wenn ich aus dem Auto stieg, umging ich alle Regenrinnen um mindestens einen Meter und überprüfte alle zehn Minuten den Schlüsselverbleib.

Es konnte wohl nichts mehr passieren? Falsch!

Gestern hatte ich mich eben müde in unsere Wohnung geschleppt und den Bund kurz (wie ich dachte, haha) auf der niedrigen Kommode im Korridor abgelegt. „Lalala,“ kam mein Einjähriger vorbei und schnappte sich den Schlüssel. „Lass ihn doch,“ dachte ich mir. „Soll er doch zehn Sekunden seine Freude dran haben, während ich die Stiefel ausziehe.“ „Lalala,“ ging mein Sohn mit dem Schlüssel klappernd um die Ecke.
Es vergingen keine zwei Sekunden, da hörte ich den Schlüssel fallen. Ich folgte dem Geräusch und sah eine Öffnung in der Wand, der wir nie zuvor wirklich Beachtung geschenkt hatten. Das kleine Türchen davor stand sperrangelweit offen. Innen drin verliefen Rohre und verloren sich in scheinbar bodenloser Dunkelheit. Ich brauche jetzt wahrscheinlich nicht zu erwähnen, wo der Schlüssel gelandet war, oder? Genau. An der einzigen Stelle in der ganzen Wohnung, aus der er bestimmt nicht mehr herauszuholen war.

Und was lernen wir nun daraus? Gar nichts. Nur dass nichts im Leben sicher ist. Besonders wenn dieses Leben kleine Kinder enthält.


Margarita_Ost_freie_uebersetzerin_autorin_mommycircleMargarita Ost ist 1986 in Moskau geboren und wuchs in Texas, Genf, München und Aachen auf. Sie studierte Literaturwissenschaft in München und Moskau und machte danach eine Ausbildung zur Übersetzerin in Russisch und Englisch.

Sie ist verheiratet mit einem Flamenco-Gitarristen (damit ja keine Langeweile aufkommt), hat zwei Söhne (Daniel *2012 und Mark *2014), zwei Hunde und eine Spinne namens Putin im Schrank.

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