Von Normen und späten Zähnen

Margarita Ost, Autorin für MommyCircle

„Und? Hat er jetzt endlich Zähne?!“ So fing seit mindestens fünf Monaten jedes einzelne Gespräch mit meiner Schwiegermutter an.

Nein, hatte er nicht. Nicht mit sechs, nicht mit acht, auch nicht mit zehn (wie mein erster Sohn) und nicht einmal mit zwölf Monaten. Die Gaumen glatt wie ein Babypopo. Nun ist es ja so, dass man beim zweiten Kind so einiges locker wegsteckt, was einem beim ersten einen Nervenzusammenbruch beschert hätte. Verschlucktes Kleinzeug, fies eingeklemmte Finger, blutige Hämatome, Krankenhausaufenthalte, so etwas… Man liest auch nicht solch schwachsinnigen Bücher wie „Oh je, ich wachse“, in denen drinsteht, ein sechs Monate altes Baby müsste der Mama hinterher krabbeln und auf Gegenstände zeigen, wenn man sie benennt. Auch reagiert man nicht mehr wutentbrannt auf gut gemeinte Ratschläge fremder Leute, sondern lächelt und dreht sich schweigend weg. Vielleicht ist man auch einfach zu müde für das alles.

Also trank ich Tee und wartete. Besser gesagt, ich verschwendete gar keine Gedanken an das zahnlose Grinsen meines Sohnes. Vor allem, weil er diese Zähne allem Anschein nach gar nicht brauchte. Hühnchen, Gurken und Äpfel wurden einfach ratz-fatz zermalmt. Auch der Kinderarzt meinte, dass „alles bis 18 Monate vollkommen normal“ sei. Alles gut, also. Könnte man meinen. Wäre da nicht wieder einmal meine (im Übrigen über alles geliebte) Schwiegermutter gewesen.

„So eine Diagnose wie Zahnlosigkeit gibt es nicht,“ behauptete ich auf die gewohnt besorgte Frage hin. „Die werden schon kommen.“

„Und wenn doch?“ schlug meine Schwiegermutter die Hände vor der Brust zusammen. „Was es nicht alles gibt auf dieser Welt!“

„Ja, aber das nicht,“ sagte ich trotzig. Doch die Zweifel waren gesät.

Daraufhin tat ich das, was man auch unter Androhung der Todesstrafe niemals tun darf: Ich googelte. Und? So eine Diagnose gibt es natürlich doch. Hätte ich mir auch eigentlich denken können. Was es nicht alles gibt auf dieser Welt. Geht meistens mit anderen Erkrankungen einher, hat verschiedene Ausprägungen und Formen. Nein, ich werde die genaue Bezeichnung jetzt nicht preisgeben. Obwohl das mit etwas googeln recht einfach rauszufinden ist. Egal, soll es doch das letzte kleine Hindernis für andere verrückte Mütter mit zahnlosen Kindern sein. Jedenfalls kamen sie jetzt: die Panikanflüge. Ich sah meinen armen Sohn schon mit monströsen Geräten und Metallvorrichtungen um den Kopf herum und überlegte mir fieberhaft, was ich falsch gemacht hatte. Zu oft die Vitamin-D-Tabletten vergessen? Zu wenig Kalzium? Was?! Natürlich – wie so oft – alles umsonst. Eine Woche später kam die erste weiße Spitze hervor. Mit zwölfeinhalb Monaten. War ein Fest!

Und die Moral von der Geschicht? Beim dritten ist man schlauer. Obwohl sich dann bestimmt etwas anderes findet, weshalb man sich verrückt machen kann.

Zumindest zeitweise. 


Margarita_Ost_freie_uebersetzerin_autorin_mommycircleMargarita Ost ist 1986 in Moskau geboren und wuchs in Texas, Genf, München und Aachen auf. Sie studierte Literaturwissenschaft in München und Moskau und machte danach eine Ausbildung zur Übersetzerin in Russisch und Englisch.

Sie ist verheiratet mit einem Flamenco-Gitarristen (damit ja keine Langeweile aufkommt), hat zwei Söhne (Daniel *2012 und Mark *2014), zwei Hunde und eine Spinne namens Putin im Schrank.

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